Was Anerkennung mit unserer Herzgesundheit zu tun haben könnte
„Danke für deinen Einsatz.“
„Das hast du gut gelöst.“
„Deine Erfahrung ist hier wichtig.“
Solche Aussagen wirken zunächst wie kleine Gesten im Arbeitsalltag. Doch Wertschätzung ist mehr als eine Frage des guten Betriebsklimas.
Eine wissenschaftliche Studie zeigt einen bemerkenswerten Zusammenhang: Beschäftigte, die sich bei der Arbeit stärker wertgeschätzt fühlten, wiesen insgesamt ein geringeres Risiko für koronare Herzerkrankungen anhand untersuchter biologischer Risikofaktoren auf.
Besonders deutlich zeigte sich der Zusammenhang bei Blutdruck und Blutfettwerten.
Damit bekommt ein vermeintlich „weicher“ Faktor eine interessante Bedeutung für den betrieblichen Sicherheits- und Gesundheitsschutz.
Wertschätzung könnte nicht nur Motivation und Wohlbefinden fördern – sie könnte auch eine gesundheitsfördernde Ressource im Arbeitsleben darstellen.
🔬 Was wurde untersucht?
Die 2024 im wissenschaftlichen Fachjournal Frontiers in Public Health veröffentlichte Studie „Taking appreciation to heart: appreciation at work and cardiovascular risk in male employees“ untersuchte, ob wahrgenommene Wertschätzung am Arbeitsplatz mit biologischen Risikofaktoren für koronare Herzerkrankungen zusammenhängt.
An der Untersuchung nahmen 103 berufstätige Männer teil.
Darunter waren:
- 25 Personen mit koronarer Herzerkrankung,
- 40 Personen mit Bluthochdruck,
- 32 Personen mit normalen Blutdruckwerten und
- 6 Personen mit sogenannter maskierter Hypertonie.
Die Teilnehmenden waren durchschnittlich etwa 50 Jahre alt und arbeiteten mindestens 20 Stunden pro Woche.
Damit untersuchten die Forschenden bewusst Personen mit unterschiedlich ausgeprägtem Herz-Kreislauf-Risiko.
🧪 Was wurde gemessen?
Die Forschenden erfassten zunächst mittels Fragebögen mehrere psychologische Faktoren:
- wahrgenommene Wertschätzung bei der Arbeit,
- soziale Unterstützung,
- Selbstwertgefühl sowie
- Belastung aufgrund fehlender Wertschätzung.
Gleichzeitig wurden verschiedene biologische Risikofaktoren für koronare Herzerkrankungen untersucht.
Dazu gehörten unter anderem:
- Blutdruck,
- Blutfettwerte,
- Langzeitblutzucker (HbA1c),
- Gerinnungsparameter und
- Entzündungsmarker.
Damit beschränkte sich die Untersuchung nicht darauf, wie gesund oder wohl sich die Teilnehmenden subjektiv fühlten. Sie bezog auch objektiv messbare biologische Gesundheitsparameter ein.
❤️ Was zeigte die Studie?
Das zentrale Ergebnis:
Eine höhere wahrgenommene Wertschätzung bei der Arbeit war mit einem geringeren Gesamtprofil biologischer Risikofaktoren für koronare Herzerkrankungen verbunden.
Besonders deutlich zeigten sich Zusammenhänge mit:
Blutdruck:
Mehr wahrgenommene Wertschätzung ging mit einem niedrigeren mittleren arteriellen Blutdruck einher.
Blutfettwerten:
Auch das Verhältnis von Gesamtcholesterin zu HDL-Cholesterin fiel bei höherer Wertschätzung günstiger aus.
Für HbA1c sowie die untersuchten Gerinnungs- und Entzündungsparameter zeigten sich dagegen keine entsprechenden signifikanten Zusammenhänge.
Bemerkenswert ist außerdem, dass der Gesamtzusammenhang auch dann bestehen blieb, wenn mögliche Einflussfaktoren wie Alter, Body-Mass-Index, Rauchen und Medikamenteneinnahme statistisch berücksichtigt wurden.
Auch verwandte psychologische Faktoren wie soziale Unterstützung und Selbstwertgefühl erklärten den Zusammenhang nicht vollständig.
Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass Wertschätzung am Arbeitsplatz möglicherweise eine eigenständige gesundheitsfördernde Ressource darstellen könnte.
⚠️ Was die Studie nicht beweist
Bei der Interpretation ist eine wichtige Einschränkung erforderlich.
Die Studie zeigt einen Zusammenhang, aber keinen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Nachweis.
Das bedeutet:
Aus den Ergebnissen kann nicht abgeleitet werden, dass mehr Wertschätzung automatisch den Blutdruck senkt oder koronare Herzerkrankungen verhindert.
Die Untersuchung hatte ein Querschnittsdesign. Die Daten wurden also zu einem bestimmten Zeitpunkt betrachtet. Daraus lässt sich nicht sicher feststellen, welcher Faktor Ursache und welcher Wirkung ist.
Weitere Einschränkungen sind:
- die relativ kleine Stichprobe von 103 Personen,
- ausschließlich männliche Teilnehmer,
- überwiegend Personen mittleren Alters,
- körperliche Aktivität wurde nicht berücksichtigt,
- mögliche Einflüsse unterschiedlicher Arbeitsbedingungen, Berufe oder Schichtarbeit wurden nicht näher untersucht.
Die Ergebnisse sind daher interessant, sollten aber nicht überinterpretiert werden.
🏢 Warum ist das für den betrieblichen Gesundheitsschutz interessant?
Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz werden häufig zuerst mit technischen und organisatorischen Maßnahmen verbunden:
sichere Maschinen, persönliche Schutzausrüstung, ergonomische Arbeitsplätze, Unterweisungen oder die Vermeidung gefährlicher Arbeitsstoffe.
Diese Maßnahmen bleiben selbstverständlich unverzichtbar.
Gesundheit bei der Arbeit wird jedoch auch durch psychische und soziale Arbeitsbedingungen beeinflusst.
Wertschätzung kann dabei auf unterschiedlichen Ebenen entstehen:
- durch respektvollen Umgang,
- durch Anerkennung von Leistungen,
- durch konstruktives Feedback,
- durch ernst gemeinte Beteiligung,
- durch Interesse an der Arbeit anderer,
- durch Unterstützung bei Schwierigkeiten und
- dadurch, dass Hinweise und Verbesserungsvorschläge ernst genommen werden.
Wertschätzung bedeutet dabei nicht, ständig zu loben.
Entscheidend ist vielmehr, dass Beschäftigte erleben:
„Meine Arbeit wird gesehen. Mein Beitrag zählt. Ich werde ernst genommen.“
🧠 Wertschätzung und Sicherheitskultur
Auch für eine funktionierende Sicherheitskultur ist dieser Aspekt relevant.
Beschäftigte sollen Gefährdungen melden, Beinaheunfälle ansprechen, Verbesserungsvorschläge einbringen und auf unsichere Situationen aufmerksam machen.
Dafür braucht es ein Arbeitsumfeld, in dem solche Beiträge erwünscht sind.
Was passiert beispielsweise, wenn eine beschäftigte Person wiederholt auf ein Sicherheitsproblem hinweist und keine Rückmeldung erhält?
Oder wenn Verbesserungsvorschläge grundsätzlich mit „Das haben wir immer schon so gemacht“ beantwortet werden?
Formal kann ein Betrieb über ein funktionierendes Arbeitsschutzsystem verfügen. Im Alltag entsteht jedoch möglicherweise eine andere Botschaft:
Dein Hinweis ist nicht wichtig.
Wertschätzung zeigt sich deshalb auch darin, wie Unternehmen mit Beiträgen zur Sicherheit umgehen.
👥 Was bedeutet das für Sicherheitsvertrauenspersonen?
Die Gestaltung einer wertschätzenden Unternehmenskultur liegt selbstverständlich nicht allein in der Verantwortung von Sicherheitsvertrauenspersonen.
SVP können jedoch im betrieblichen Alltag einen wichtigen Beitrag leisten.
Sie können beispielsweise:
- Beschäftigten bei Sicherheitsanliegen zuhören,
- Hinweise und Beobachtungen ernst nehmen,
- gute Ideen für mehr Sicherheit sichtbar machen,
- positives Sicherheitsverhalten ansprechen,
- Rückmeldungen zu eingebrachten Verbesserungsvorschlägen einfordern,
- Beschäftigte zur Beteiligung anregen und
- selbst respektvoll und konstruktiv kommunizieren.
Gerade bei Sicherheitsrundgängen oder Gesprächen mit Kolleg:innen lohnt es sich deshalb, nicht ausschließlich nach Gefährdungen zu suchen.
Auch eine andere Frage ist interessant:
Wie gehen wir im Betrieb eigentlich mit Menschen um, die Sicherheit aktiv mitgestalten?
🔎 Praxis-Tipp für SVP
Achten Sie bei Ihrem nächsten Sicherheitsrundgang einmal bewusst nicht nur auf Maschinen, Arbeitsmittel oder persönliche Schutzausrüstung.
Beobachten Sie auch die Kommunikation.
Werden Hinweise von Beschäftigten ernst genommen?
Bekommen Personen eine Rückmeldung, wenn sie ein Problem melden?
Werden gute Sicherheitsideen sichtbar anerkannt?
Wird positives Sicherheitsverhalten überhaupt wahrgenommen?
Und wie reagieren Führungskräfte, wenn Beschäftigte einen Fehler, einen Beinaheunfall oder eine unsichere Situation ansprechen?
Schon diese Beobachtungen können viel darüber aussagen, wie Wertschätzung und Sicherheitskultur im Arbeitsalltag tatsächlich gelebt werden.
✅ Fazit
Wertschätzung am Arbeitsplatz wird häufig als Thema von Führung, Motivation oder Mitarbeiter:innenbindung betrachtet.
Die Studie von Auer et al. erweitert diese Perspektive.
Höhere wahrgenommene Wertschätzung war bei den untersuchten männlichen Beschäftigten mit einem günstigeren Gesamtprofil biologischer Risikofaktoren für koronare Herzerkrankungen verbunden. Besonders deutlich zeigte sich dies bei Blutdruck und Blutfettwerten.
Die Studie beweist nicht, dass Wertschätzung Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindert.
Sie liefert jedoch einen weiteren Hinweis darauf, dass soziale Arbeitsbedingungen und Gesundheit eng miteinander verbunden sein können.
Für die betriebliche Prävention bedeutet das:
Technische Sicherheit, sichere Arbeitsbedingungen und organisatorische Maßnahmen bleiben die Grundlage des Arbeitnehmer:innenschutzes.
Eine nachhaltige Sicherheits- und Gesundheitskultur braucht darüber hinaus aber auch ein Arbeitsumfeld, in dem Menschen gehört, ernst genommen und wertgeschätzt werden.
Die Frage lautet deshalb nicht nur:
„Arbeiten wir sicher?“
Sondern auch:
„Wie gehen wir miteinander um, während wir sicher arbeiten?“
📚 Quelle der Studie
Auer, A., Semmer, N. K., von Känel, R., Thomas, L., Zuccarella-Hackl, C., Wiest, R. & Wirtz, P. H. (2024):
Taking appreciation to heart: appreciation at work and cardiovascular risk in male employees.
Frontiers in Public Health, Vol. 12, Article 1284431.
DOI: 10.3389/fpubh.2024.1284431
Veröffentlicht am 4. März 2024.
Originalstudie:
Frontiers in Public Health – Occupational Health and Safety
Weiterführende deutschsprachige Darstellung:
WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE aktuell (2026): „Studie zeigt: Wertschätzung und Herzgesundheit hängen zusammen.“


